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Schulweg-Debatte: Kinder sollten die Kunst des Trödelns lernen

aus Berliner Morgenpost vom 24. September 2014

Schule, Hausaufgaben, Hobbys. Kinder stehen ständig unter Zeitdruck, Eltern haben ständig Stress. Deshalb ist der allein bewältigte Schulweg für den Nachwuchs so wichtig. Ein Plädoyer fürs Trödeln.

Dicke Kinder, dicke Luft, Eltern, die nicht loslassen können – die Gründe für die weltweite Aktionswoche, die bis zum 2. Oktober Mädchen und Jungen dazu bringen soll, zu Fuß oder mit dem Rad zur Schule zu kommen, sind vielfältig.

Die Erziehung zum Umgang mit Verkehrsschildern, Zebrastreifen und Autofahrern, die sich beim Abbiegen nicht umdrehen, gehört ebenso dazu wie die Tatsache, dass Väter und Mütter im Halteverbot und in zweiter und dritter Reihe morgens den Verkehr vor den Schulen zum Erlahmen bringen. Das alles spricht dafür, dem Nachwuchs endlich Beine zu machen, die Räder aufzupumpen und die Roller zu reparieren. Das ist aber längst nicht alles.

Seit dem Jahr 2000 findet alljährlich im September der internationale "I walk to school"-Tag statt. Seit 2007 richten der Verkehrsclub Deutschland (VCD) und das Deutsche Kinderhilfswerk die Aktionswoche "Zu Fuß zur Schule" aus. Schöne Projekte sind das. Schulklassen malen farbige Plakate, in denen sie die Autofahrer zur Vorsicht mahnen.

Die Kunst des Trödelns

Eltern halten 300 Meter weg von der Schule, um die Kinder an Sammelplätzen abzugeben, von wo eine engagierte Mutti die ganze Horde zum Schultor führt. Schön ist das. Und manche Kinder kommen dadurch wirklich auf den Geschmack und weigern sich auch nach der Aktionswoche, in Papis Auto zu steigen und sich zur Schule kutschieren zu lassen. Erfreulich ist das. Im Trend liegen sie nicht. Im Trend liegen jene, die zur Schule gebracht und wieder abgeholt werden. Schade. Allein, also ohne Mama und Papa, zur Schule zu gehen, heißt, eine Kunst zu lernen, die vom Aussterben bedroht ist: Die Kunst des Trödelns. Das ist nicht nur die Kunst, selbst die Zeit einzuteilen, pünktlich zu kommen. Das ist auch die Kunst, die Zeit zu vergessen.

Bei Kindern muss alles wie am Schnürchen laufen. Aufstehen. Anziehen. Frühstücken. Zähne putzen. Jetzt aber los! Wir kommen zu spät! Hopp, hopp! Wo steht das Auto? Ab in die Schule. Mathe. Deutsch. Kunst. Sport. Danach nach Hause. Schnell, schnell. Essen. Hausaufgaben? Du musst zum Hockey! Wo ist meine Reithose? Wie war der Vokabeltest? Ich hab schon Klavier geübt. Heute musst Du zum Kieferorthopäden. Wie schaffen wir es noch rechtzeitig zur Theater-AG? Hanna will sich mit mir verabreden! Geht nicht. Vielleicht am Wochenende! Da kann ich nicht. Da ist Mini-Marathon.

Der Alltag von Kindern ist so durchgeplant wie der ihrer berufstätigen Eltern. Sie alle müssen funktionieren. Und so wie die Mütter und Väter kaum eine Nische im Tagesablauf finden, die es ihnen möglich macht, einfach nur aus dem Fenster zu sehen, zu gucken, wie der Regen die Scheiben herunterläuft oder sich der Bagger auf der Baustelle vor dem Bürogebäude dreht, so gehen auch die Töchter und Söhne meist an der kurzen Leine durchs Leben.

Der Schulweg aber, allein oder mit den anderen, der kann für einen Augenblick die Leine lang lassen. Das macht Eltern Angst. Das macht Kindern Spaß. Da kann man quatschen und kichern, jammern und lästern. Da kann man träumen und schwärmen und hoffen, dass der Simon heute den gleichen Weg nimmt. Da spürt man es für einen Moment lang nicht, das Rucken an der Leine. Da fühlt man sich frei.

Lernen, mit sich selbst etwas anzufangen

Kinder gehen nicht gerne mit den Eltern spazieren. Das ist verständlich. Das ist bedauerlich. Weil ihnen entgeht, wie schön es draußen ist, die Sonne, die Blätter, das Licht. Wenn Kinder allein zu Fuß zur Schule gehen, dann sehen sie so viel. Den Löwenzahn, der in den Gehsteigritzen blüht, die Schneebeeren, die man mit den Füßen zertreten kann, das bunte Bild, das Öl auf eine Regenpfütze malt. Dann lernen sie, dass der Juni nach Staub und Heckenrosen riecht und der Oktober nach Pilzen und modernden Äpfeln. Dann spüren sie, wie scharf der Wind im Februar ist und wie warm die Sonne im Mai. Dann hören sie, dass ein Porsche anders als ein Linienbus klingt und ein Specht auch mitten in der Stadt auf Borke hämmern kann.

Alles Quatsch? Zeitverschwendung? Besser Geige üben? Altgriechisch pauken? An die Zukunft denken? Und bloß nicht krank werden? Psychologen und Hirnforscher wissen längst, wie wichtig es für die geistige Entwicklung von Kindern ist, die Sinne zu schärfen. Dass das so viel mit Kinderköpfen und Seelen macht. Mindestens so viel wie ein bilingualer Fechtunterricht oder eine Teilnahme an einem wissenschaftlichem Wettbewerb. Das fördert Fantasie, das prägt Erinnerungen, aus denen man später schöpfen kann. Das schafft inneres Erleben.

Und die Forscher wissen, wie wichtig es ist, Langeweile zu erleben. Phasen, in denen Kinder ihren Gedanken einfach freien Lauf lassen können, in denen sie innere Leere erleben. Ruhe. Reizarmut. Keinen Termindruck. Phasen, in denen sie die Möglichkeit haben, erst mal selbst zu erkennen, was sie fesselt, womit sie ihre Zeit verbringen wollen. Phasen, in denen sie den Keim für ihre Kreativität legen können. Lernen, mit sich sich selbst etwas anzufangen. Der selbstständige Schulweg kann ein Anfang sein.